
Institut für Musik
gbs | open score project
Ökonomie der zeitgenössischen Musik
Musikalische Aufführungsmaterialien - Partituren, Notendrucke und Stimmen - werden traditionsgemäß durch Verlage verwaltet. Die unübersehbare Stilvielfalt der Musik des 20. Jh. und eine zunehmend zeitnah kalkulierende Ökonomie hat das Verlagsprinzip in den vergangenen Jahren jedoch mit großen Problemen konfrontiert, sind verlegerische Investitionen in zeitgenössische Kunstmusik doch einem langfristigen, sich nicht selten über Generationen ausdehnenden Wertschöpfungsprozess ausgesetzt, der nach heutigen betriebswirtschaftlichen Maßstäben nicht mehr wettbewerbsfähig ist.
Wo das Verlagswesen nicht mehr ausreicht, müssen neue Wege für die Distribution gefunden werden, denn schließlich benötigen die Musiker weitgehend noch Noten, wenn sie zeitgenössische Werk der Kunstmusik aufführen wollen. Und nirgendwo können Dokumente wie Noten und Partituren einfacher veröffentlicht und abgerufen werden als im Internet.
Das Internet als urheberrechtlicher Problemfall
Die fast uneingeschränkte Verfügbarkeit von Bildern und Texten durch das Internet führte in den letzten zehn Jahren jedoch nicht nur zu einem besseren Zugang zu Musik in les- und hörbarer Form, sondern auch zur Verschärfung der Urheberrechtssituation. Das paradoxe Ergebnis dieses Dilemmas zwischen den Möglichkeiten des Internet und ihrer Beschränkung durch Urheberrechtskonventionen ist die zunehmend erzwungene Schließung von Internetplattformen und die damit wieder sinkende Verfügbarkeit von Musik in den letzten Jahren.
Dieses Dilemma lässt sich in der jetzigen Rechtssituation nur an einer Stelle beheben, dort nämlich, wo die betreffenden Rechte entstehen: beim Urheber. Ein Komponist wie Gustavo Becerra-Schmidt, der auf die Wahrnehmung der Druckrechte an seinen Partituren verzichtet, umgeht alle Einschränkungen durch nationale und internationale Bestimmungen. Er verzichtet auf potentielle Einnahmen aus dem Verkauf seiner Partituren weil er an der Verbreitung seiner Werke interessiert ist. Erst diese Entscheidung Gustavo-Becerra Schmidts hat das
Ein Pilotprojekt des Instituts für Musik und der IBIT an der Universität Oldenburg
Das Projekt wird vom Institut für Musik und der Universitätsbibliothek der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg betreut. Durch /oops/, das open document-System der Universität, werden Becerra-Schmidts Partituren und Manuskripte in alle Archive und Verzeichnisse dieser Art weltweit aufgenommen. Damit ist nicht nur ihr unbeschränkter Zugriff möglich, auch die Auffindbarkeit der Werke wird erheblich verbessert. Wer im Karlsruher virtuellen Katalog, den Institutional Repository Databases der Library of Congress in Washington, der University of Sydney oder der Lmonosov-Universität Moskau zeitgenössische Musik sucht, wird künftig auch die Partituren von Becerra-Schmidt finden und über einen Link aus Oldenburg downloaden können - ein Vorteil, den Verlage heute noch nicht bieten können.
Das gbs | open score project stellt ein Pilotprojekt dar, das erstmals größere Werkbestände zeitgenössischer Kunstmusik unter einer einheitlichen Lizenz zur Verfügung stellt. Sämtliche Werke des gbs | open score projects können kostenlos und uneingeschränkt bezogen, kopiert und weitergegeben werden, sofern keine Veränderungen vorgenommen werden und der Hinweis auf die Autorschaft Becerra-Schmitds unverändert am Werk verbleibt. Die Aufführung, Sendung und Synchronisation der Werke sowie ihre Verbreitung auf Tonträgern ist jedoch nach wie vor durch Gesetze international eingeschränkt.
Gustavo Becerra-Schmidts Bereitschaft, urheberrechtliche Ansprüche angesichts der uneingeschränkten Verfügbarkeit seiner Musik teilweise aufzugeben, ist eine Pionierleistung in der gegenwärtigen Musik und zeugt von demselben Erneuerungswillen, der auch seinem musikalischen Oeuvre innewohnt.